Māyā Keller-Grimm

Mâyâ Keller-Grimm
Mâyâ Keller-Grimm

Geboren am 29. 07. 1899 in Würzburg

Gestorben am 15. 02. 1990 in Utting am Ammersee

 

Vorbemerkung:

Infolge eines erheblichen Mangels an biographischem Material - das umfangreiche Archiv der Altbuddhistischen Gemeinde gilt als nicht zugänglich oder gar als verschollen - kann hier nur eine äußerst flüchtige Lebensskizze von Māyā Keller-Grimm wiedergegeben werden. So ist über einzelne wesentliche Stationen ihres Lebensweges so gut wie nichts oder nur sehr wenig bekannt, so dass nur unzureichend das Leben und Wirken dieser großen Buddhajüngerin beleuchtet werden kann. -

 

Das einzige Kind Georg Grimms erwies sich nach dessen Tod im Jahre 1945 als die große Bewahrerin seines genialen Lebenswerkes und die maßgebende Impulsgeberin für seine schöpferische Weitergestaltung.

Aufgewachsen in Tirschenreuth im Bayerischen Wald, streng aber liebevoll erzogen, erlebte sie eine behütete, aber von häufigen Erkrankungen geprägte Jugend. Mit 11 Jahren kam ihr Vater Georg Grimm 1910 als Landesgerichtsrat nach München, wo die Familie ein Haus in Neubiberg bei München bezog. Eine - vielleicht die - entscheidende Wende in ihrem Leben trat wohl ein, als Georg Grimm zu seinem 40. Geburtstag am 25. Februar 1908 von seiner Gattin die dreibändige Ausgabe des Piper-Verlages der Mittleren Sammlung (Majjhima-Nikāya) in der Übersetzung von Karl Eugen Neumann geschenkt bekam. Von nun an galt Georg Grimms ganzes Leben dem Studium und der lebendigen Umsetzung der Lehre des Buddha. Georg Grimm - von seiner Tochter geliebt und verehrt - war wohl auch ein großer Pädagoge, denn er konnte seiner Tochter von Anfang an die Begeisterung für die Buddha-Lehre in ihr Herz pflanzen.

 

So schrieb Māyā Keller-Grimm: „Wir saßen täglich abends beisammen, meine Eltern und ich, um gemeinsam eine Buddharede zu lesen. Und weil ich es war, die meinen Eltern vorlesen durfte, so geschah es mit doppelter Freude und Aufmerksamkeit. Manchmal benötigten wir für eine Rede zwei Abende. Nie lasen wir eine Rede auf einmal, sondern immer nur in Absätzen. Die gleiche Methode, mit der mein Vater versucht hatte, mir Schopenhauer nahezubringen, verwendete er nun auch hier. Ob von den Vier Hohen Wahrheiten die Rede war oder vom Pfad im Einzelnen, von einem Vollendeten oder vom Nibbānam, immer versuchte er, das Gelesene meinem Horizont anzupassen, es so anschaulich wie möglich zu gestalten und an Hand von Gleichnissen und Begebenheiten zu erläutern.“

 

Von nun an verfolgte Māyā Keller Grimm mit größter Aufmerksamkeit und Hingabe das Wirken ihres Vaters, das bald weite Kreise zog und zum Anziehungspunkt vieler an der Buddhalehre Interessierter, aber auch großer Wissenschaftler, wie etwa den Indologen Paul Deussen und Dr. Karl Seidenstücker, wurde.

 

Über ihre Begegnung mit Paul Deussen berichtete sie: "... Von meinem Vater wusste ich, dass er ein sehr gelehrter und berühmter Mann sei, und ich war natürlich mächtig stolz, wenn er mich auf seinen Schoß nahm und mit mir plauderte. Scherzhafterweise nannte er mich seine kleine Philosophin, von der man nicht wisse, was aus ihr werde. Heute muss ich lächeln, wenn ich zurückdenke, mit welchem Eifer ich den Gesprächen der beiden Männer zu folgen versuchte. Wenn ich auch nicht viel davon verstand, irgend etwas nahm ich wohl immer auf, was mich dann veranlassen mochte, weiter zuzuhören. ..."

 

Māyā Keller-Grimm absolvierte die Höhere-Töchter-Schule in München. Noch nicht zwanzig Jahre alt, wollte sie ihren Eltern zeigen, dass sie auch selbstständig durch das Leben gehen könne und begab sich für einige Monate nach Italien, wo sie zwei Söhne eines Italieners und einer Engländerin Deutschunterricht gab, um über die Schweiz wieder heimzukehren.

 

Besonders prägend dürften für sie auch die Begegnungen mit dem großen Indologen und Buddhologen Dr. Karl Seidenstücker gewesen sein, der regelmäßig im Hause der Familie Grimm in Neubiberg bei München verkehrte, sich dort oft Monate aufhielt und mit Māyā stundenlange Spaziergänge unternahm, die erfüllt waren mit Gesprächen über die Lehre.

 

Als Georg Grimm im Jahre 1919 aus gesundheitlichen Gründen und auf dringliches Anraten seines Arztes für längere Zeit nach Mallorca ging, begleitete ihn seine Tochter Māyā und gab in der dortigen Deutschen Katholischen Schule in Palma Deutschunterricht, was ihr umso leichter fiel, als sie eine ausgezeichnete Kennerin der spanischen Sprache war.

Am 20. Juli 1921 wurde die Vorgängerin der Altbuddhistischen Gemeinde, die "Loge zu den Drei Juwelen", ins Leben gerufen, wobei Māyā Keller-Grimm neben ihrem Vater und Dr. Karl Seidenstücker zu den Gründungsmitgliedern gehörte.

 

Am 10. Oktober 1927 heiratete Māyā den Münchener Kunsthändler und Kunstsachverständigen Hans Keller und trug seitdem den Doppelnamen Keller-Grimm. Ihr Gatte erwies sich vor allem in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg als der große Mäzen der Altbuddhistischen Gemeinde.

 

Vermutlich wohl auch aus Gründen der veränderten politischen Verhältnisse in Deutschland seit 1933 - Georg Grimm befand sich damals schon im gesundheitlich bedingten Ruhestand - zogen die Familien Grimm und Keller in eine von Georg Grimm erworbene, damals inmitten von Gärten und Hainen stehende Villa in Utting am Ammersee, südlich von München.

 

Als Georg Grimm, der Mahā-Thera der Altbuddhistischen Gemeinde, im August 1945 starb, war das Schicksal der Altbuddhistischen Gemeinde mehr als ungewiss. In das Haus Georg Grimm wurden französische Soldaten, später Offiziere einquartiert, die Freunde der Altbuddhistischen Gemeinde waren in alle Winde zerstreut, zum Teil vermisst oder infolge der Kriegsnöte gestorben, das Vermögen der Gemeinde verloren.

 

Da war es Māyā Keller-Grimm, die angesichts größter Nöte und konfrontiert mit einer mehr als ungewissen Zukunft, entschlossen war, das Erbe ihres Vaters trotz aller Widrigkeiten weiterzuführen. Finanzielle Mittel waren kaum vorhanden, die Werke Georg Grimms vergriffen. Als sich nach und nach wieder Freunde der Altbuddhistischen Gemeinde und an der Buddhalehre und am Werk Georg Grimms Interessierte eingefunden hatten und vor allem von ihrem Mann, Hans Keller, wieder finanzielle Unterstützung zufloss, wurde 1947 die Zeitschrift "YĀNA. Zeitschrift für Altbuddhismus und religiöse Kultur" gegründet, vermutlich etwa zeitgleich mit einer englischsprachigen Ausgabe.

 

Allein der Begeisterung und kompromisslosen Hingabe Māyā Keller-Grimms war es zu verdanken, dass die Altbuddhistische Gemeinde nach der fürchterlichen Katastrophe des 2. Weltkrieges weiterlebte und, unterstützt von ihrem kongenialen Mitstreiter und Freund in der Buddhalehre, Max Hoppe, eine große Blüte erleben konnte. Schritt um Schritt wurden auf Grund energischer und zielstrebiger Anstrengungen Māyā Keller-Grimms fast alle Werke Georg Grimms wieder aufgelegt, als erstes 1953 "Die Botschaft des Buddha" und dann "Der Buddhaweg für Dich" 1955.

 

Schnell entwickelte sich in der Altbuddhistischen Gemeinde ein reges Gemeindeleben, und viele, die nach Utting, etwa zu den Seminaren und Wochen des Beisammenseins der Altbuddhistischen Gemeinde kamen, fanden in Māyā Keller-Grimm eine charismatische Zeugin für die Lebendigkeit und Überzeugungskraft gelebter Buddha-Lehre. Vielen Suchenden gab sie Trost und Orientierung, gütig aber kompromisslos wies sie ihren Weg. Unvergessen für Viele ihre mitreißenden Vorträge, die geprägt waren von einer überaus gründlichen Kenntnis des Dhamma, so dass der Ausruf hierfür bezeichnend war: "DAS ist gelebte Buddha-Lehre!"

 

Die prägende Handschrift Māyā Keller-Grimms findet sich besonders auch im Katechismus der Altbuddhistischen Gemeinde "Im Lichte des Meisters. Die Lehre des Buddha in Frage und Antwort" (A. Henn-Verlag, Ratingen 1970) wieder, einem umfassenden und tiefgründigen Führer durch die Buddhalehre. 

 

Ein großer Verlust für die Altbuddhistische Gemeinde war Māyā Keller-Grimms Rückzug im Dezember 1977 aus dem Ältestenrat und aus der Redaktion des "YĀNA". Sie begab sich ganz in die Stille, was für die Gemeinde als auch für viele Menschen, die sie kannten, ein überaus schmerzlicher und unersetzlicher Verlust war.

 

Māyā Keller-Grimms Hingabe für die Verkündung der religiösen Buddhalehre entsprang ganz ihrem tief veranlagten Naturell, ihrer großen Intelligenz, ihrer Religiosität, ihrer Herzensgüte und gelassenen Heiterkeit. Ihre Herzensgüte erstreckte sich nicht nur auf die Menschen, die ihr begegneten, sondern auch auf alle Tiere. Legendär war ihr Einsatz für die gequälten und verfolgten Tiere, sie arbeitete nicht nur mit Tierschutzorganisationen und Tierheimen zusammen und erwies hier ihr großes Herz für das Dāna, die liebende und tätige Güte für alle Lebewesen. Sie sorgte sich zum Beispiel auch aufopfernd um die Vogelwelt im und am Ammersee, die im Winter besonders hart zu leiden hatte.

 

In ihrem Leben oft krank, war Māyā Keller-Grimm die letzten beiden Jahre ihres Lebens an das Bett gefesselt. Bis zu ihrem Tode von scharfem Verstand, erfüllt von Güte und einer von der Buddhalehre gespeisten Heiterkeit starb sie am 15. Februar 1990. Ein strahlendes Licht des Saddhamma war verloschen.